"Maulwurfschwänzchen – Waldmeistereis – Emanzipation"

Mein Waldmeister ist wieder da und das beste er riecht, wenn er einwenig welk ist, genau so….Dieses Aroma ist in meinen Genen gespeichert und ich verwende ihn für Drinks, Eis, panna cotta… Dieses „Kraut“ hat aber seine eigene Geschichte…..

Um die Zeit meiner Erstkommunion (10 Jahre) beschloß ich mein Taschengeld aufzubessern.
Alle Jungs aus unserem kleinen Dorf waren damit beschäftigt.
Großzügig stattete man die Jungen mit vielen Maulwurffallen aus. Mit einwenig Geschick konnte man genau erkennen, wann der kleine Hügel gestoßen wurde und der Maulwurf ging in die Falle.
Mit einem alten „Kneipchen“ (kleines scharfes Messer) schnitt man den kurzen Schwanz ab und legte ihn in eine leere Zigarrenkiste. Pro Schwänzchen gab es an Kirmes vom Gemeinderechner 5o Pfennig. Mein Freund Gerd hatte schon 27 Stück und lange war noch nicht Kirmes.

Die Jungen taten ganz geheimnisvoll – das war ein Sport nur für Jungen – betonten sie immer wieder. Dies entwickelte einen unglaublichen Ehrgeiz in mir und nach wochenlangem Betteln, billigte man mir ein paar Maulwurffallen zu.

Nur einmal über die Straße und schon war ich in den Wiesenauen, wo stets eine riesige Anzahl von Maulwurfhügeln den Bauern das Leben zu Hölle machte.
Schnell hatte ich heraus, wie , wann man am besten die Fallen stellen mußte und meine Zigarrenkiste füllte sich schnell.
Unter uns – natürlich war mir Großvater einwenig behilflich – bei meinen Fallenstellaktionen.
49 Stück hatte ich Mitte Juni zusammen und mir lief schon das Wasser im Mund zusammen, denn nur einmal im Jahr kam der Ernst mit dem Kirmeswagen und dem Waldmeistereis.

Endlich am Kirmessamstag sollte Zahltag sein. Stolz marschierte ich zum Gemeinderechner. Hier ging man nicht gerne hin, denn hier wohnte auch der Willibald – der mit der scharfen Kohlhobel – dieser seltsame Mensch.
Der Gemeindrechner lächelte nie, hatte ein eigenes Zimmer wo er dicke Bücher führte und jeden 1/2 Pfennig nachrechnete, wehe es fehlte 1 Pfennig.
Er ließ mich warten in der Küche bei Leni.
Leni unheimlich alt, neugierig und fragte mit Vorliebe Kinder aus.
„Wo schafft dei Papa denn ?“, “ hot dei Tant emmer noch kaane Ma ?“….
„Wor de Opa wirrer in Hirschberg Schnaps holle „…..
Mein blondes Federhaar war frisch gewaschen, schick hatte ich mich gemacht und forsch marschierte ich in die Gemeinderechnerstube.
„Hier meine Maulwurfkiste, 49 Stück !“.
Der Gemeindrechner musterte mich von oben nach unten und sprach:“ Nee, das Geld steht Dir nicht zu, Maulwurffallenstellen ist nur Jungen erlaubt!“
Das Blut in meinen Adern gefror, waas, wiee bitte, wer sagt das denn?.
Dicke Tränen rannen mir über die Wangen und in mir stieg eine Woge der Wut auf, die ich bis heute empfinden kann.
Ich rannte um mein Leben und heulte, schimpfte konnte kein klares Wort herausbringen.
Opa kam gerade aus dem Stall und fragte was ist los ?
Nach meinem Bericht, sah ich ihn mit wutentzerrter Miene den Hof verlassen.
Bis zum Gemeinderechner waren es ca. 300 m. Lang dauerte es nicht, im ganzen Dorf war es zu hören…. mein Opa schrie den Gemeinderechner zusammen, ich verstand nur einen Wortfetzen „Emanzipition“ oder so ähnlich. Wieder so ein Fremdwort, konnte er nicht einmal so reden, dass ich es verstand. Dann war Stille, nur die Vögel hörte man noch und den festen Schritt meines Großvaters.

Wortlos legte er meinen Verdienst auf den Küchentisch und verzog sich.
Am Kirmessonntag ging ich nachmittags stolz mit meinen Freundinnen ein Waldmeistereis essen.
Meine Freundin Erika hatte kein Kirmesgeld bekommen und hatte nur Geld für ein Bällchen Waldmeistereis, beim Übergeben viel das Eis runter und die Frau vom Ernst, die Maria, gab ihr kein zweites, denn sie sei halt schusselig gewesen.
Traurig stand sie da in ihrem neuen roten Kirmeskleid, mit den kleinen Samtschleifen.
Doch ich konnte für Ersatz sorgen und kaufte uns gleich zwei Bällchen für jeden.
Die Maria mußte die Eistüten tief runterreichen, schaffte ich ihr an , denn so geht es nicht! Herrlich schmeckte dieses Eis und wir hockten uns ins kleine Bierzelt und sahen dem verliebten Paar Herbert und Irmtrud zu, wie schön sie tanzten und überhaupt die Musik spielte so schön…

Am Kirmesmontag zog die Kirmesjugend von Haus zu Haus begleitet von der Musikkapelle und sammelten Eier, Geld… Der Bürgermeister hielt eine Rede, der Großgrundbesitzer aus dem Ruhrgebiet der sich hier vor vielen Jahren niedergelassen hatte und natürlich mein Opa.
Er erzählte die Geschichte von meinen Maulwurfschwänzen und tobte, dass im 20. Jahrhundert im Zeitalter der Emanzipation, es nicht zulässig sei, Frauen zu benachteiligen. Schließlich hätten sie nach dem Krieg mit bloßen Händen die Trümmer beseitigt und er prophezeite, dass sich noch alle wundern , was Frauen in den nächsten Jahren bewerkstelligen werden. Die Zeit sei vorbei wo man Mädchen benachteiligen könnte, wo sie doch oft geschickter, schlauer, fleißiger … wären.
Alle klatschten Beifall und von da an durften auch Mädchen Maulwurffallen stellen. Das
Waldmeistereis ist bis heute mein Lieblingseis geblieben ist, versteht sich von selbst.