"Suppenhuhn, blödes Huhn und warum das Huhn in den Topf gehört"

Das Huhn – und jedes Geflügelfleisch im allgemeinen –  hat in unserer Nahrungskette in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung gewonnen. Große Hühnerfabriken sind entstanden, viel Geld läßt sich hiermit verdienen, denn Hühnerfleisch ist mager, schnell zubereitet und auch da, wo die Religion bestimmte Fleischsorten verbietet, immer herzlich willkommen.

Für mich persönlich ist das Huhn gleich aus mehreren Gründen negativ belegt.
Kein anderes Tier wird so oft „beleidigt“: Da gibt es das blöde Huhn, die dumme Henne, das Suppenhuhn, den Hühnerhaufen, oder gar ein gerupftes Huhn.
um den großen Deutschen Komiker zu zitieren : “ Großer weißer Vogel“…

Es gibt natürlich auch positive Assoziationen wie bei den lustigen Kölnern „Die Höhner“, im flapsig-liebevoll genannten Hühnerabend (für einen Abend unter Frauen), und zeitlos: Das süße Küken….

Eine gute Hühnersuppe! Immer etwas ganz besonderes Gutes und Gesundes und ich wiederhole es gern an dieser Stelle: Das Huhn gehört in den  Topf, denn erst da hat es seine wahre Bestimmung gefunden.
Natürlich gibt es auch hierfür einen guten Grund.. Wieder muß ich etwas weiter ausholen…

Meine Großmutter hielt etwa 25 Hühner und einen Hahn aus den allseits bekannten  Gründen.
Die Hühner liefen frei auf dem Hof herum und wohnten des Nachts im alten Stall. Dunkel war es dort drinnen,  die Deckenhöhe war niedrig, wie es eben oft in den alten Fachwerkhäusern war.

Ein braunes Huhn, namens Tuck Gluck war uns Kindern besonders ans  Herz gewachsen, denn es ließ sich tragen, streicheln und viele Nachmittage setzten wir dieses Huhn zu unserem jüngsten Bruder Thomas in den Kinderwagen und fuhren stolz durch das Dorf. Dieses kindliche Vergnügen hielt jedoch nur solange, bis Tuck Gluck einem allzu hühnerschen Bedürfnis nachgab und auf die im Wagen liegende Luxuswagendecke sch…. – Nun war diese Wagentagesdecke ein Produkt ihrer Zeit: Ein Prachtstück über und über winzigen kleinen gelben Wollpommeln bestückt, in mühsamer Handarbeit  gefertigt, und natürlich Mutters ganzer Stolz. Das war das jähe Ende unserer Ausfahrten mit Tuck Gluck.

Martha dagegen war ein anderes Kaliber. Sie war schneeweißes Huhn, mit einem dunkelroten Kamm, der immer blöd hin- und herwackelte. Martha,  gackerte immer nur aufgeregt herum, wenn auch gar keine Gefahr drohte und fühlte sich wahnsinnig wichtig. Wahrscheinlich dachte Martha, sie wäre besser ein Wachhund, als ein einfaches schneeweisses Huhn.

Tell mein Freund und Weggefährte (Straßenködermischung) haßte dieses Huhn , namens Martha. Dieses Huhn mit dem gelben, krummen Schnabel stolzierte auf dem Hof herum  wie eine  Königin und er war angebunden.
Tell liebte es in der Morgensonne ein ausgiebiges Nickerchen zu halten oder  beschäftigte sich mit einem herannahenden LKW , spitzte die Ohren und konnte mich schon hören und riechen, wenn ich noch 5oo m vom Haus entfernt war.
Immer dann, wenn Tell sich voll konzentrieren mußte, kam dieses freche schneeweisse Huhn heran und pickte sich ein Stück Brot, Fleisch, Gemüse aus seinem Napf. Hunde wurden nämlich damals ganz selbstverständlich von unseren Essensresten ernährt, heute sicher undenkbar.
Martha hielt dann den Kopf schräg, der rote Kamm wackelte und sie schaute ganz ergeben, unterwürfig, grad als könne sie kein Wässerchen trüben und gackerte danach nur umso schriller los, wenn Tell sie versuchte zu erwischen und zu verscheuchen. Das gelang dem armen Kerl aber nie wirklich, denn meist mußte er tagsüber  an der Kette bleiben..  Monatelang hatte ich dieses Treiben nun schon beobachtet. Hier mußte etwas geschehen! Außerdem war es in meinen  – wenn auch kindlichen Augen- eine ausgemachte Tierquälerei, den geliebten Hund an eine Kette zu binden.

Tell sollte sich frei auf dem Hof bewegen können. Martha durfte das ja schliesslich auch! Wann immer ich konnte, und ich unbeobachtet war, ließ ich ihm dann auch seine Freiheit.Tell war ausgezeichnet im Mäusefangen, Hühnerjagen, Feldhasenhetzen und trotzdem gehorchte er mir aufs Wort. Er hatte ganz dunkle, schwarze Augen, die so traurig gucken konnten, dass man ihm freiwillig sein ganzes Pausenbrot überlies.Er war von mittlerer Größe hatte ein seidiges, schwarzglänzendes Fell und auf der Brust ein weißes Dreieck. .
Gut konnte man ihn auch gebrauchen, die Kühe beisamenzutreiben (wir hatten ja nur drei). Treu ergeben wartete er tagtäglich auf mich und rührte sich stundenlang nicht vom Fleck, bis ich dann endlich auftauchte. Er war ein ganz lieber Hund, der niemanddem etwas zuleide tat und insbesondere mich sehr gut beschützte. Bei meinen fast täglich anstehenden Raufereien mit den Buben war er mir eine wertvolle, ja fast lebensrettende Hilfe.

Ich hatte nie Angst, denn mit Tell war ich stark und konnte mir das eine oder andere freche Wort erlauben……

Dann begann sich aber das Blatt für Tell zu wenden. Es fing an mit kleinen unregelmässigen Beschwerden, dass Tell eines der blöden Suppenhühner gehetzt haben soll und es dann vor Schreck tot umgefallen sei. Die angeblichen Beschwerden häuften sich – bis heute glaube ich kein Wort davon – , bis es irgendwann hiess: Tell sei ein Hühnerdieb. Der Familienrat tagte, die übliche Abwägung Nutztier gleich Nahrung gegen Wachhund und Spielgefährte…Ich musste die Familiensitzung nicht verfolgen, um zu wissen, wie es nun ausgehen würde. Es war mir schon bewußt. Sie entschieden: Der Hund muss weg.  Solche Angelegenheiten erledigte, auch bei anderen Bauern, immer der kleinwüchsige, krummbeinige Jagdgehilfe aus dem Nachbarort. Dieser Gnom  trug das ganze Jahr hindurch Knickerbocker, meist in grün, und hatte seinen verwitterten Leinenrucksack auf dem Rücken. Darin befand sich seine Büchse, die angeblich immer scharf geladen war. Er trug auch einen grünen Jägerhut und einen Janker mit Hirschknöpfen. Oft sah ich ihn, und da lugte aus dem Rucksack das Geläuf eines erlegten Rehs oder Hasen. Er war nicht sonderlich beliebt. Seltsame, mir als Kind damals unverständliche Geschichten erzählten sich die Erwachsenen  von dem „Dackel“, wie man ihn allerorten nannte.

Diesen „Dackel“ beauftragte meine Familie nun, meinen geliebten Tell zu erschießen. So wurde mein langjähriger treuer Freund und Weggefährte an meinem 10. Geburtstag – während ich nichtsahnend in der Schule weilte – von diesem „Dackel“ erschossen.
Die Trauer, Wut und grenzenlose Enttäuschung, ja den in mir aufsteigenden Hass, ob dieses sinnlosen Mordens, kann ich auch heute noch nicht in Worte fassen.
Tagelang verweigerte ich daheim das Essen, tobte, heulte, schrie. Schließlich mußte ich aber einsehen, dass mich das nicht weiter- und Tell nicht zurückbrachte. Lange Zeit brütete ich darüber, was ich nun machen könnte.
Etwas ausserhalb des Dorfes, auf dem Weg zum Friedhof stand ein riesiges Wegkreuz. Hier betete ich, dass Gott mir verzeihen möge, für das, was ich nun vorhatte. Schließlich, so argumentierte ich für mich ganz schlüssig, ist das Huhn ja ein Nutztier und für als solches für den Suppentopf bestimmt.  Die Erwachsenen waren an diesem warmen Oktobernachmittag mit der Kartoffelernte  und später im Haus mit der Zwetschgenmusherstellung  beschäftigt. Niemand beachtete mich, alle waren mit dem riesigen Zwetschgenmassen u. Kartoffeln beschäftigt, die es in diesem Jahr gab.. Aus dem alten Stall nahm ich die scharfe „Häb“ (ein langes, machetenartiges Werkzeug zum Fällen kleinerer Bäume) und überprüfte die Schärfe. Auf dem Schleifstein im alten Stall, schliff ich dann die Häb noch mal tüchtig nach.   Die blöde Martha saß gerade auf der Stange und gackerte fröhlich und selbstgefällig beim Eierlegen. Es sollte ihr letztes Ei werden.

Mutig und kraftvoll ergriff ich das laut gackernde Huhn, trug es zum Hauklotz in den Hof, dabei hackte es seinen scharfen Schnabel in meine Hand. Das Blut quoll hervor, aber einen Schmerz empfand ich nicht.  Nur einen Gedanken hatte Platz in meinem  Kopf: Ich hatte mir geschworen, meinen Tell zu rächen.

Wie ich es viele Male beochbachtet hatte,  packte ich das Huhn auf das Hauklotz und mit aller Kraft ließ ich die Häb auf den  Hals des Huhnes sausen. Perfekt getroffen! Der Kopf lag, fein säuberlich abgetrennt , auf dem Hauklotz, aber was war jetzt das??!!! Die blöde Martha sprang vom Hauklotz und lief so ganz ohne Kopf über den Hof, bis sie dort dann tot umfiel. Die Erwachsenen eilten herbei und ich wurde übelst beschimpft, man drohte mir sogar mit „Kerker“ (das waren damals mindestens 6 Wochen Hausarrest, eine sehr harte Strafe!). Mein Großvater stand abseits drehte an seinem „Kaiser-Wilhelm-Bart“ und unsere Blicke begegneten sich kurz, er hatte eine Träne im Auge und ließ die „Bergpredigt“, wie er immer die endlosen Ausführungen seiner Damen (Ehefrau, Töchter) nannte ,gottergeben über sich ergehen.Die Strafe wurde nicht vollstreckt, was ich vorallem der vehementen Intervention meines geliebten Grossvaters zu verdanken hatte.  Dafür wurde ihm auch ebenso regelmässig die Schuld an meiner „Wildheit“ gegeben. Er habe mit seiner freien „Erziehung“eben nicht meinem Freigeist einen Riegel vorschieben können….
Jetzt versteht jeder, warum Hühner für mich in den Topf gehören. Das Rezept meiner Lieblingshühnersuppe, meine Kinder nennen sie „Machmichgesundsuppe“ werde ich bei Gelegenheit ausführlich darstellen.
Noch heute liebe ich es, wenn das fette Suppenhuhn langsam in der Brühe köchelt , mit seinem Eierstock (Martha hatte damals mind. 10 kleine Eier noch legen wollen),lassen ..  Meine Oma löste das Fleisch dann mit dem „Kneipchen“ab und Mutter kochte ein herrliches Hühnerfrikassee mit Reis. Davon wurde man wieder ganz gesund,  es vertrieb Magendrücken, Erkältungen, Sorgen und ich hatte immer das herrliche Gefühl, meinen Tell gerächt zu haben.