„Hermine hat immer Hunger…“

Schweinefleisch ist in der heutigen Zeit geradezu verpönt. Die Fleischskandale, die schlechten Verhältnisse in den Großschlachtereien, machen einem ja geradezu ein schlechtes Gewissen, wenn wir in den kalten Adventstagen uns nach einem schönen, saftigen, reschen Schweinebraten sehnen.

Soviele Bio-glücklich-Schweine, wie so mancher Metzger anbietet, kann es gar nicht geben. Normalerweise, gehen wir in ein gutbürgerliches, bayrisches Wirtshaus unseres Vertrauens und genießen den Schweinebraten, mit einem guten Münchnerbier. Aber dies ist nicht möglich, Lieferungen erscheinen mir nicht angebracht. Mit dem Schweinchen an sich verbindet mich eine lange Geschichte, die ich Euch nicht verhehlen möchte und auch meine besondere Liebe zum Schweinefleisch – die niemals enden wird – begründet.

Jedes Jahr wurden in meiner Familie zwei Schweine gemästet und meist einmal vor Weihnachten , bzw. gegen Ende des Winters geschlachtet. (siehe Beitrag vom Februar 2011 „Die Sau ist tod“)

Die Ferkel lieferte der „Seydick“ ( Bezeichnung Sau – Dick =Name des Lieferanten)

Mit einem großen Kastenwagen fuhr er vor. In diesem Auto waren kleine Fächer mit Holzstäben eingebaut, hier lagen die kleinen Ferkel, rosa wunderschön anzusehen auf gelben Stroh und glotzten einem liebevoll an.

Die Auswahl der Ferkel war eine fast wissenschaftliche, schwierige Aufgabe, die nur bestimmten Personen zugetraut wurde. Ein Ferkel war sehr teuer , oft kam es vor, dass das Ferkel starb und es entstand der Streit, wer das Verschulden trägt.

„Das Ferkel war schon krank…“ – bewiesen wurde allerdings nichts, denn eine gutachterliche Stellungnahme eines Veterinärs konnte man sich ja nicht leisten.

Alle Männer waren aus dem Haus, als der Sey-Dick vorfuhr. Große Aufregung, wer soll denn jetzt das Schwein aussuchen, dem Sey-Dick kann man nicht trauen.

Meine Großmutter schritt mutig voran und zog mich hinter sich her.

Sie prüfte, schaute sich das Ferkel genau an – wenn es ruhig und still im Kasten lag- war das ein Indiz, dass es nichts taugte. Ganz hinten sah ich ein kleines , rosiges Ferkel mit einem schwarzen Fleck am Rücken. Dies wählte ich aus! Ein zweites, großes, langes Ferkel (es sollte ja möglichst viele Koteletts geben) gefiel meiner Großmutter.

Stolz trug Großmutter die Ferkel in den vorbereiteten Stall und ich sollte mich um sie kümmern. Putzig waren sie mit ihren feuchten Nasen, die Ringelschwänzchen so niedlich.Es war unvorstellbar, dass hieraus mal diese riesigen Schweine entstanden, die dann geschlachtet wurden.

Meins hatte ich Hermine getauft, weil es so schnell und gierig fraß.

  • mein Vater hieß Hermann, war sehr lange in russischer Gefangenschaft gewesen und ich habe niemehr einen Menschen gesehen, der so schnell essen konnte.

Niemand habe ich allerdings verraten, warum das Ferkel Hermine hieß.

Nach 2 Tagen intensivster Betreuung lag Hermine apathisch in ihrem Eck. Sie wollte nichts fressen, nicht raus, begrüßte mich nicht mehr grunzend. Sie war krank.

„Der „Sey-Dick“ hat uns doch wieder ein krankes Ferkel angedreht!“ Es hat keinen Zweck, er soll es abholen und uns das Geld zurückgeben….“

Meine Hermine fühlte sich heiß an – ihre Schnauze war nicht mehr kühl und naß – irgendwie schwitzte sie – verkroch sich ins Stroh –

Ich mußte sie pflegen, also musste ich mich erstmal von der lästigen Schule befreien.

Es brach mir das Herz, Hermine womöglich dem Abdecker zu überlassen.

Ich fälschte die Unterschrift meines Vaters und schrieb in Druckschrift (wie naiv) eine Entschuldigung: „Meine Tochter, Mechthild, Cäcilia, Maria leidet an Magenkrämpfen und Fieber. Sie kann nicht am Unterricht teilnehmen“ schrieb ich.

Die nächsten Tage verbrachte ich im Stall – Großmutter und Großvater wußten bescheid-. Großvater hatte mir schon vor Monaten ausführlich erläutert, dass der Organismus in vielen Bereichen, sehr dem menschlichen ähnlich seien –

Also mußten doch Wadenwickel, Pfefferminztee und Hühnersuppe meiner Hermine helfen. Mit einem Eimer getarnt, brachte ich die Handtücher, die Teekanne und die Suppe – die eigentlich immer auf dem Herd stand – in den Stall.

Mein Großvater hatte mir versprochen, wenn Hermine überlegt, bekommst Du 5 DM und bist auch am Schlachtgewicht beteiligt.

Liebevoll löffelte ich Hermine den Tee ein, legte Wadenwickel an und mischte die Suppe unter die frischgeämpften (Sauerpel =Schweinekartoffel)

Tag für Tag ging es Hermine besser und nach einer Woche war sie wieder die Alte, gierig fressend, quickend hüpfte sie umher.

Die Ursache der Krankheit klärte sich bald. Meine Tante – sie war für das Putzen, Kehren, Schrubben im Haus zuständig, hatte Hermine mal ordentlich gewaschen, nachdem sie sich so im Dreck hinter dem Stall gewälzt hatte. Mich hatte sie zusammengestaucht, wie kann man nur so dreckig sein, schau dich mal an und riechen tust du wie ein Schweinestall. Das kleine Ferkel hatte sich erkältet.

Hermine fraß so gierig und ich war sehr traurig. Mir war schon bewußt, wie Hermine enden würde. Vielleicht sollte ich nie mehr Fleisch essen….

Aber das sei auch keine Lösung, meinte Großvater , dann bleibst Du ja klein und dumm – das willst du doch nicht! Schau , Hermine frißt nur für dich, damit du ihr Fleisch später mal essen kannst – Niemals , rebellierte ich.

Die Natur weiß schon, was sie tut. Schweine leben um zu essen und den Menschen ihr Fleisch zu geben, sie sind glückliche Schweine. Hermine wird von dir umsorgt, sie hat Spaß mit dir und will dir ihr bestes Fleisch schenken.

Mehrere Wochen haderte ich, doch schließlich leuchtete mir der natürliche Kreislauf ein. Die Kühe gaben uns die Milch, aber nur , wenn sie ein Kälbchen bekommen…

Alle Kälbchen können wir aber nicht behalten…

So lernte ich sehr früh mit 9 Jahren den Kreislauf der Natur kennen und achten. Bis heute esse ich gerne Fleisch. Aber mit Verstand und nicht jeden Tag!

Liebe Leser, daher werde ich in den nächsten Tagen – wie sagt mein Sohn das verifizierte Rezept meines Schweinebraten Euch offenbaren.

Schöne Zeit!