"Kälberstrick – Fleisches -Un – Lust"


Axel  will leben……

Wie meine Leser sicher schon bemerkt haben werden,  hat meine Kochleidenschaft  meist einen intensiven Bezug zum Produkt .
Viele kleine – meist wahre Begebenheiten – begleiten meine Vorlieben  und Abneigungen bis heute.
Die Landwirtschaft meiner Großeltern ernährte eine 9 köpfige Familie gut und ausgewogen.
Allerdings,  gab es ganz, ganz selten Kalbfleisch und  Kaninchen nie !!!

Mit dem Kalbfleisch ist das so eine Sache, mein Großvater mochte es gar nicht  und ich auch nicht.
Es war Anfang der 60iger Jahre. Wir hatten 3 Kühe, Schimmel, Bella und die alte Fuchs. Sie gaben Milch und die Kälber verkauften sich gut an den örtlichen Metzger. Die Kühe zogen den Wagen, wurden bei der Feldarbeit in dem schwierigen Gelände eingesetzt und wurden mit viel Liebe und Aufmerksamkeit gehegt und gepflegt. Abgöttich liebte ich meine Kühe, sie gehorchten mir und bei ihnen war es immer warm. Oft verzog ich mich in den Stall um zu Lesen. Stundenlang konnte ich auf einem Strohballen lesen, träumen ….. Alle suchten mich,  im Stall vermutete mich niemand, wo es doch nach Meinung meiner Schwester stank, die Mücken fliegen .“Geh,  sagte sie immer , Du stinkst nach Stall“.

Eine Familenfeier oder Beerdigung, ehrlich gesagt genau weiß ich es nicht mehr, zwang die gesamte  Familie nach Frankfurt zu reisen. Wer sollte das Vieh versorgen ??  Das „weiße Biest“ so nannten sie mich,  kann doch mit dem Großvater zu Hause bleiben, dann können sie uns auch nicht wieder blamieren… so tönte es beim vorgezogenen Mittagessen.

Mein Großvater warf mir einen kurzen Blick zu und ich erklärte mich bereit mich zu „opfern“ und auf die Reise in die Großstadt zu verzichten.  Großvater hatte sich seinen alten Freund bestellt – böse Zungen behaupteten er käme aus der Fremdenlegion –  das mußte was ganz Schlimmes sein – so wie meine Großmutter immer tobte, wenn  Großvaters Freund auftauchte.

Dieser Mann hatte die ganze Welt bereist und wollte meinen Großvater immer überreden auf „Große Wanderschaft“ zu gehen , endlich die Welt zu sehen, das große Geld zu machen und nicht  in dem kargen Landstrich zu versauern.

Großvater beauftragte mich, nach der Schimmel zu schauen, denn das Kälbchen war schon überfällig.
Die Herren sprachen heftig dem Spezialschnaps  meines Großvaters zu.

Stolz begab ich mich in den Stall. Die Kälberstricke kramte ich schon mal aus der Kiste, wobei ich eigentlich  nicht wußte, wo für man sie tatsächlich gebrauchte. Den Kessel mit heißem Wasser setzte ich  auf, so hatte ich es bei der Großmutter immer gesehen, wenn  ein Kalb kam. Normalerweise hieß es wieder: Kinder aus dem Haus….

Großvater hatte mir erklärt, wann der Geburtsvorgang soweit fortgeschritten war und ich ihn rufen sollte. Schimmel ging es nicht gut, sie schwitzte und brüllte ganz schrecklich. Mit trockenem Heu und Stroh versuchte ich ihr nassgeschwitztes Fell zu trocknen.Brachte ihr  Wasser, redete ihr gut zu und dankbar leckte sie mein Gesicht ab, bevor sie wieder schreckliche Töne von sich gab.  Großvater hatte mir eingebläut, wenn der Schleimpfropfen sich löst, dann kannst Du mich rufen,  dann ist der Muttermund weit genug offen, dann geht es meist  schnell voran.
Wie befohlen beoachtete ich die Kuh und da hob sie den Schwanz und ich sah  eine schleimigen Pfropfen ….
Wie um mein Leben rannte ich zum Haus.
Großvater verabschiedete sich von seinem Freund ganz schnell. Den  können wir nicht bei der Geburt gebrauchen.

Großvater fluchte,  die Geburt war so weit vorangeschritten, dass er keine Hilfe mehr holen konnte und vom Tierarzt hielt er eh nicht so viel . Ganz dramatisch sage er zu mir: „Kleines Mädchen Du mußt jetzt ganz stark sein, es geht um Leben und Tod“.
Er war ein sehr gläubiger Mensch, benetzte mich, die Kuh und sich mit dem Weihwasser, das im Stall immer stand und los gings. Leise und beruhigend redete ich auf  Schimmel ein, während mein Großvater die Kälberstricke an den Läufen des Kälbchens zu befestigen versuchte. Mehrfach mißlang es, denn auch der Schnaps konnte seine Wirkung nicht verleugnen.
Irgendwann hatte Großvater es geschafft.  „Komm, ich gebe das Kommando auf 3 ziehst Du so fest Du kannst!!!“ Großvater schrie  1 unnnnd 2 und 3, jetzt. Das Blut stieg mir in den Kopf, meine Hände waren von dem Strick rot und bald mit Blasen gefüllt, den Schmerz bemerkte ich aber erst Stunden später.

Endlose Versuche,  erschöpft machten wir uns gegenseitig Mut. Großvater sagte, wir geben nicht auf. Wir verlieren sonst die Kuh und das Kalb. Die Angst schnürte mir den Hals zu. Dann schloß ich die Augen, zog, zog , schrie aus Leibskräften.
Ein riesiger Schlag,  mein Großvater und ich lagen im Stall in der Urinrinne, zwischen uns ein kleines nasses, braun-weißes Etwas, mit riesigen Augen, ganz nass, lockig und wunderschön.
Wir lagen  im Blut und Urin, umarmten uns und lachten und weinten gleichzeitig.
Es ist ein Bullenkalb – war nicht sooo  beliebt – seuzte mein Großvater, wie willst Du ihn nennen?
Axel, flüsterte ich, Axel, Axel soll er heißen.

Gut, dann ist sein Name Axel. Aber Axel wollte nicht aufstehen, Großvater schaute ernst .
In dem Moment  kam die Sippe von Frankfurt zurück, beschmipften meinen heißgeliebten Großvater mit allem was ihr euch vorstellen könnt. Wie kannst Du…. , das Kind damit überfordern, der Tierarzt muss  kommen die Nachgeburt – ….
Was Nachgeburt ,  die Schimmel kann nicht mehr…., was war denn eine Nachgeburt??

Großvater sagte nur zu mir, kümmere Dich um das Kalb, wenn es bis morgen nicht aufsteht, können wir den Abdecker bestellen. Schweigend  verließ er den Stall und überließ das Feld den Tierarzt, Nachbarn, mein Vater….

Axel legten sie in einen kleinen Verschlag mit Heu und Stroh. Keiner dachte so richtig, dass das Kalb überleben würde.
Mich hatten sie vor Aufregung vergessen. Ich streichelte das Kälbchen, meine Tränen rannen in sein Fell.
Irgendwann schlief ich völlig erschöpft ein.  Im Halbschlaf hatte ich wahrgenommen, wie mein Großvater mich  zugedeckt hatte. Morgens erwachte ich, eine rauhe Zunge fuhr mir durchs Gesicht. Axel stand über mir und war ganz munter.  Trinken wollte er nicht. In den nächsten Wochen zog ich ihn mit der Flasche auf und er gedieh prächtig.

Solche Jungbullen wachsen enorm schnell und unser kleiner Stall war nicht geeignet für die Haltung der Jungbullen, Großvater erklärte mir, dass man sie trennen muß….

Immer quälte mich der Gedanke, dass eines Tages der schrecklich  fette, schweißtriefende Metzger mit dem  roten Auto auftauchen würde….  Großvater versuchte mich auf den Tag X vorzubereiten. Er hielt mir Vorträge über Nutztiere, Kreislauf des Lebens…. 
Eines Tages bestellten sie den Metzger, während ich in der Schule war. Aus irgendeinem besonderen Grund, war mir übel und ich lief ganz alleine die 3 km Schulweg nach Hause. Von weitem sah ich das rote Auto des Metzgers. Nein, dass ist nicht wahr !! Großvater nahm mich auf den Arm, versuchte mich zu beruhigen. Seit 2 Stunden versuchten sie Axel aus dem Stall zu bekommen, vergeblich. Großvater versprach mit Gott und die Welt, wenn ich Axel auf den Viehwagen führen würde. Der Metzger lachte und sagte, noch jeden Bullen habe ich auf meinen Wagen bekommen – bis Du nicht willig , so brauch ich Gewalt –
Bevor sie Axel noch mehr aufregten,  ihm jede Würde nahmen, ließ er sich von einem 9 jährigen kleinen Mädchen aus dem Stall führen….. Kalbfleisch – mag ich bis heute nicht – warum das kann man doch verstehen  – oder – .

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „"Kälberstrick – Fleisches -Un – Lust"

  1. Ganz hibbelig hab ich Deinen Blog geöfnet um zu schauen, ob es wieder eine neue Gechichte geibt. Und ich hab mich so gefreut: Sogar eine aus meiner „Lieblingsreihe“: Deinen Kindheitserinnerungen vom elterlichen Bauernhof. Meggie, Du schreibst so packend, so eindringlich und mitreissend, das es eine helle Freude ist! Tausend Dank! Umarmung von Alice

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s